Wir haben 2015 bereits einen Artikel über das Thema AUGENHÖHE geschrieben (Link). Damals ist der Begriff (nach unserer Wahrnehmung) noch nicht so gängig gewesen. Und seit dem hat sich einiges verändert. Grund genug, den Artikel selbst ein wenig zu überarbeiten.

Wie alles begann

2014 sind wir durch Zufall via dem Netzwerk intrinsify.me auf das Projekt „AUGENHÖHE – Film und Dialog“ gestossen.

Schnell waren wir Feuer und Flamme und haben uns auch gleich am Crowdfunding beteiligt ohne überhaupt zu wissen, wie das Endergebnis aussehen könnte. Wir waren einfach von der Idee überzeugt. Selbstredend, dass wir 2015 zur Premiere nach Hamburg gereist sind. Und dort waren wir dann doch überrascht, wie unterschiedlich das Verständnis des Begriffs ‚Augenhöhe‘ überhaupt war. Hier nur einige Antworten, die wir auf die Frage erhielten, was denn Augenhöhe sei:

  • Wenn der Chef seinen Mitarbeitern mehr Wertschätzung entgegen bringt.
  • Wenn ein Unternehmen auf flexible und flache Strukturen setzt.
  • Wenn Möglichkeiten für Work-Life-Balance vorhanden sind.
  • Wenn der Mensch und nicht die Arbeit im Mittelpunkt steht.
  • Wenn die Work-Life Balance stimmt.

Es scheint also schon mit dem Menschen zu tun haben, aber irgendwie fanden wir es doch zu unklar. Das ist grundsätzlich auch kein Problem. Dennoch hilft es, ein gemeinsames Verständnis zu haben, wenn man einen Begriff verwendet. Und so überlegten wir uns, was Augenhöhe für uns bedeutet.

Visuelle DarstellungAuf Augenhöhe

Im engeren Sinne ist Augenhöhe die vertikale Positionierung der Augen, durch welche die Körpergrösse anderer Personen mit der eigenen verglichen wird. Übertragen auf die zwischen-menschliche Interaktion steht dies für uns gleichbedeutend mit gegenseitiger Gleichwertigkeit unabhängig von eigenen Bewertungen.

Was heisst das aber nun genau in der Realität?

Hört sich erst einmal recht theoretisch an. Und doch ist bildlich gesprochen ein schöner Vergleich. Denn in erster Linie entsteht Augenhöhe aus uns heraus, d.h. von innen nach aussen. Denn nur ich als Betrachter bin in der Lage, mir einen anderen Menschen als grösser oder kleiner vorzustellen. Tue ich das, bin ich automatisch mit Emotionen oder Gedanken meiner eigenen Unter- oder Überlegenheit konfrontiert. Und damit ist dann auch das Auf- oder Abwerten meines Selbstwerts sowie der Beurteilung des „Wertes“ meines Gegenübers verbunden.

In der Realität beeinflussen uns unsere eigenen Erinnerungen an selbst gemachte Erfahrungen, was zu Erwartungen an mich selbst und andere Menschen führt. Dies resultiert auch in Sympathien und Antipathien gegenüber anderen Menschen, was durch die unterschiedlichsten Aspekte ausgelöst werden kann wie zum Beispiel: Alter, Geschlecht, kultureller und sozialer Hintergrund, Bildungsstand, Rollenbilder, Position in der Unternehmens-Hierarchie oder sozialer Status um nur einige zu nennen.

Was letztlich – ob bewusst oder unbewusst wahrgenommen – zu einer Auf- oder Abwertung von mir selbst und meinem gegenüber führt.

Augenhöhe heisst nicht, nicht mehr zu bewerten oder zu (be)urteilen

Unabhängig davon, wie unsere Vorlieben und Abneigungen nun entstehen – wir alle haben diese, egal ob uns dies bewusst ist oder nicht. Wir vergleichen und bewerten uns selbst sowie andere Menschen auf der Grundlage, was für uns selbst gut/schlecht, positiv/negativ oder auch richtig/falsch ist.

Wer sich dessen bewusst ist, hat zunächst einmal die Wahlfreiheit, sich davon für einen Moment nicht beeinflussen zu lassen und schafft damit die Grundlage, auf Augenhöhe zu interagieren.

Augenhöhe…

  • ist dann möglich, wenn sich Menschen in der Begegnung als tatsächlich gleichwertig, d.h. ohne Bewertungen und Erwartungen sehen.
  • entsteht bei jeder Begegnung neu, also im hier und jetzt.
  • dauerhaft beizubehalten ist unrealistisch.
  • Augenhöhe ist vor allem eine Frage der inneren Haltung.

Entscheidend dafür ist die Absicht, Augenhöhe immer wieder erreichen zu wollen. Denn wir sind nicht perfekt – die Absicht zählt also.

Hört sich alles schön und gut an, aber…

… die Realität sieht häufig anders aus. Denn es gibt ganz unterschiedliche Gründe, wieso Menschen nicht auf Augenhöhe miteinander interagieren. Klar, wenn wir es gut miteinander haben, geht das ohne Probleme. Aber wehe, es tauchen Probleme auf so entstehen schnell Spannungen und Konflikte.

Und in den meisten Fällen ist das Thema Augenhöhe dann auch schnell vom Tisch. Das kennen wir vermutlich alle – egal ob im Verein, mit Kindern, in der Beziehung, mit unseren Eltern und natürlich auf der Arbeit mit Mitarbeitern, Kunden, Partnern und Chefs.

Irgendjemand spricht mich z.B. im falschen Moment an und zack – ich bin auf 180 und breche im dümmsten Fall einen handfesten Streit vom Zaun – konstruktiv geht anders. Vermutlich hat jeder von uns seine eigenen, persönlichen Trigger-Punkte. Und das ist normal. Denn was in solchen Momenten geschieht kann man vereinfacht als „Auto-Pilot-Modus“ bezeichnen. Wer es gerne wissenschaftlicher hat, bitte: Das ganze kann man auch Affekt-Logik nennen, wie es einst Luc Ciompi beschrieb. Bernd Oestereich und Claudia Schröder haben dies auch in ihrem Buch „das kollegial geführte Unternehmen“ sehr schön illustriert dargestellt:

Die Gründe, die Augenhöhe verhindern, sind unterschiedlich

Das kann z.B. einfach aus der Unbewusstheit darüber geschehen, dass mein Gegenüber anders ist als ich. Oder weil es mir vielleicht auch egal ist – meine Welt ist ja die einzig wahre und richtige. „Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.“ Paul Watzlawick

Oder anders ausgedrückt: Wenn ich es nicht besser weiss, nutze ich einfach das, was ich kenne in allen Situationen. Es geht also vor allem um mehr Bewusstheit.

 

Aber wie erreiche ich denn nun Augenhöhe???

DEN universellen Weg gibt es nicht. Eine Variante, die sich in unserer Praxis bewährt hat, besteht aus 3 Schritten:

  1. Bewusst werden – Selbstkenntnis (ICH): Ist es mir gerade möglich, mit einem anderen Menschen auf Augenhöhe zu gehen, was behindert mich dabei?
  2. Gegenüber einschätzen – Menschenkenntnis (DU): Was könnte den anderen Menschen beschäftigen? Was könnte ihm wichtig sein?
  3. bewusste Interaktion – Sozialkompetenz (WIR): Wie kann ich das, was mir wichtig ist und das, was meinem Gegenüber wichtig sein könnte, berücksichtigen?

Ganz nebenbei – was bringt’s mir eigentlich

Das ist – für uns – die zentralste aller Fragen, da es den Schlüssel zur eigenen Motivation darstellt. Denn ohne intrinsische Motivation ist echt Veränderung nicht möglich. Menschen machen Systeme. Und so mag es nicht verwundern, dass die Motive sowohl auf persönlichen wie auch unternehmerischen Level sehr vielfältig sein können. Dennoch hier einige Möglichkeiten:

Aus persönlicher Sicht: Persönlicher Frieden, mehr (eigene) Freiheit, stabilere Beziehungen, einfachere Zielerreichung uvm.
Aus Unternehmenssicht: Weniger Spannungen und Konflikte, höhere Arbeitgeberattraktivität, höheres Mitarbeiterengagement, gesteigerte Innovationsfähigkeit, nachhaltigere Kundenbeziehung uvm.

Also Arbeiten auf Augenhöhe und alles ist gut?

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Denn dort wo Menschen zusammentreffen und sich zu einer Organisation formieren, gibt es neben der menschlichen Seite auch immer die des Systems, d.h. Strukturen, Prozesse, Abläufe, Organisation etc.

Wächst man z.B. überwiegend auf der Seite der Zusammenarbeit ohne die Rahmenbedingungen auf Seiten des Systems zu verändern, so kann das schnell zu Frust und mehr führen und eine Negativ-Spirale auslösen.

Wächst man dahingehend überwiegend auf Seiten des Systems z.B. durch Agile Strukturen ohne die Seite des Menschen zu berücksichtigen, kann dies z.B. zu Überforderung führen, die die neu-gewonnene Verantwortung schwer angenommen werden kann.

Wir sind daher überzeugt, dass es Wachstum auf beiden Seiten benötigt – Mensch UND System. Darauf kommen wir in einem anderen Artikel aber noch genauer zurück.

Was bedeutet für euch Augenhöhe

Wir sind sicher, dass es nicht DIE richtige Vorstellung davon gibt, was Augenhöhe ist. Daher sind wir daran interessiert, was euer Verständnis von Augenhöhe ist.
Wir sind gespannt!

Herzliche Grüsse
Ralf und Andreas

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