Mit kollegialer Führung zum agil geführten Unternehmen

Wozu überhaupt?

«Das kollegial geführte Unternehmen» (kürzer: kollegiale Führung) ist ein Führungssystem, das Organisationen ermöglich, schneller und effektiver auf ein komplexes Marktumfeld reagieren zu können. Denn die Überraschungen, die der Markt täglich zu bieten hat, sind heute eher die Normalität als die Ausnahme. Ich kann stattdessen sicherstellen, anders auf Komplexität reagieren zu können. Werden Entscheidungen dort getroffen, wo sie der Bedarf entsteht (und nicht hoch- oder weg-eskaliert), führt dies zu einer Agilisierung der Führungsstruktur. Dazu braucht es eine Verteilung der Entscheidungskompetenz über die Mitarbeitenden hinweg.  

Agile Führung ermöglicht es, die passenden Rahmenbedingungen je nach Arbeitskontext zu schaffen. Denn nur weil agil geführt wird, bedeutet dies nicht, dass auch zwangsläufig überall agil gearbeitet wird. Echte Agilität bedeutet auch, unterschiedliche Arbeitsweisen nutzen zu können, ohne damit in Widerspruch zu treten.  

Entstehung des «kollegial geführten Unternehmens»

Bernd Oestereich und Claudia Schröder haben lange Zeit ihr damaliges Unternehmen, die oose GmbH in Hamburg, in Richtung agile und selbstgeführte Organisation weiterentwickelt. Dabei sind unterschiedliche Ideen, Konzepte und Werkzeuge von ihnen im eigenen Unternehmen angewandt worden. Gerade Bernd hat sich vertieft mit den Ideen der Holokratie und Soziokratie auseinandergesetzt und mit Ideen aus den Ansätzen für agiles Arbeiten (Scrum, Kanban) tiefer beschäftigt.

Zu den unterschiedlichen Führungssystemen findet ihr in unserer Inspriationsecke einige Buchempfehlungen inkl. einem Skript von Christian Rüther. In diesem vergleicht er unterschiedliche Führungsmodelle, insbesondere Soziokratie, Holokratie, Soziokratie 3.0 und geht auch ein auf «Das kollegial geführte Unternehmen» ein.

Durch Experimente (These/Idee formulieren, ausprobieren, Ergebnisse überprüfen, Lernen, adaptieren, neues Experiment durchführen) sind so über Jahre Erfahrungswerte entstanden, die die oose GmbH letztlich zu einer selbstgesteuerten, lernenden und adaptiven Organisation haben wachsen lassen. Letztlich haben beide in der ultimativen Konsequenz erkannt, dass das Unternehmen auch ohne sie mehr als nur gut funktioniert.

Die Erfahrungen und das Wissen haben beide in ihrem Buch „Das kollegial geführte Unternehmen“ zusammengefasst. Das Buch ist nicht als klassisches Sachbuch zu verstehen, das an einem Sonntagnachmittag schnell durchgelesen ist. Es ist eher ein Kompendium von Werkzeugen, Ideen und Ansätzen, wie ein adaptives Führungssystem entstehen kann.

Das kollegial geführte Unternehmen ist ein Führungssystem und ist eine Weiterentwicklung der klassischen Managementsystemen einer Pyramiden- oder Matrixorganisation. Aus den unterschiedlichen Ideen, Modellen und Strömungen für modernen Organisationsdesign ist die kollegiale Führung entstanden. Diese bildet eine Synthese aus sozio- und holakratischer Kreisorganisation, Netzwerkorganisation, Systemtheorie, systemischer Organisationsentwicklung und reflektierter Praxis agiler Unternehmen.

Gründe für eine Transformation

Die steigende Komplexität der Märkte (Digitalisierung, Agilisierung, Globalisierung usw) ist für viele Organisationen eine immer grössere Herausforderung. Wieso dies zu immer mehr Problemen führt haben wir in dem Blog-Artikel «Die Pyramide hat als Managementmodell ausgedient» näher beschrieben. Und im Blog-Artikel «Was sind die Alternativen zum Management-Modell Pyramide​?», welche Alternativen wir zu den klassischen Managementmodellen sehen. 

Die Elemente der kollegialen Führung können durchaus auch auf Teilbereich von Unternehmen angewandt werden. Unser Fokus liegt auf dem Paradigmenwechsel in der Wirtschaft. Und hierzu benötigt es nachhaltige Veränderung. Daher fokussieren wir uns in der Begleitung zum kollegial geführten Unternehmen auf Menschen, die die Möglichkeiten hierfür haben (CEO, Verwaltungsratspräsident/in, GründerIn, InhaberIn).

Gerade bei diesen Unternehmen führen nicht selten persönliche Gründ der Top-Führung / InhaberInnen zu einem Paradigmenwechsel in der Unternehmensführung. Die Gründe dafür sind zwar unterschiedlich, gehen häufig allerdings in eine ähnliche Richtung wie z.B.  

  1. • Neue Freiräume für sich schaffen um neue Projekte und Ideen zu verfolgen, mehr Zeit für die Familie und anderes zu finden. Nicht selten ist dies eine Frage, die sich beginnt mit neuen Lebensphasen zu stellen, wenn die Überlegung der grundsätzlichen Ausrichtung für einen immer relevanter wird.
  2. • Mehr Freude durch Fokus auf Aktivitäten konzentrieren, die einem selbst viel mehr liegen. Nicht selten sind gerade GründerInnen / InhaberInnen mit ihrer Firma mitgewachsen und finden sich in Positionen wieder, die ihnen an für sich gar nicht so viel Freude machen.
  3. • Unternehmensnachfolge nachhaltiger gestalten, in dem die Firma z.B. Stück für Stück von den Mitarbeitenden übernommen und geführt wird. Eine Variante davon ist dann auch ein Management-Buy-Out, nur dass alle Mitarbeitenden dann an diesem beteiligt sind.  
  4. • Alte Konzepte werden aus persönlichen Gründen immer stärker in Frage gestellt. Nicht selten überlegen sich GründerInnen / InhaberInnen, ob das Konzept des Managements von Menschen überhaupt noch so für sie passt. d
  5. • Gesellschaftlichen Wandel unterstützen und das Unternehmen auch als Lern- und Transformationsraum für Menschen zur Verfügung stellen. Gerade durch die persönliche Transformation werden neue Ideen zum Paradigmenwechsel im eigenen Unternehmen kraftvoll. 

Was macht kollegiale Führung vor allem aus?

Im Gegensatz zur Holokratie (die als Name rechtlich geschützt und daher mit klaren Kriterien versehen ist) gibt es bei der kollegialen Führung kein Zertifikat und daher auch keine klaren Kriterien. Letztlich spiegelt dies so auch eine komplexe Welt wieder, die eben nicht schnell anhand einiger Kriterien gemessen werden kann. Die nachstehenden Punkte sind daher zunächst als Anhaltspunkt zu verstehen, was kollegiale Führung von anderen Management- und Führungssystemen unterscheidet.

Kollegiale Führung… 
• ist kein vor-definiertes System, sondern eine organisatorische Haltung, die mittels Werkzeugen, Praktiken, Methoden, Strukturen, Prozesse und Prinzipien im Alltag gelebt wird.
• ist ein von den Inhabern initiiertes Führungs- und Organisationssystem welches alle Menschen der Organisation durch den Phasenübergang schrittweise mit einbezieht (Sog-Prinzip).
• wird bereits während der Übergangsphase als zirkuläre- bzw. kontinuierliche Organisationsentwicklung (in kurzen Zyklen vom Ist lernen) gelebt, da dies letztlich die Grundvoraussetzung für agile Führung ist.

Daher sind wir überzeugt, dass das kollegiale Führungsmodell die Rahmenbedingungen bietet, in dem Mensch & System zusammenwirken und so für die dynamischen Herausforderungen der Zukunft bestmöglich vorbereitet sind. Denn kollegiale Führung ist die auf viele Kollegen und Kolleginnen dynamisch und dezentral verteilte Führungsarbeit. Führen bedeutet Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen.

Erkennungsmerkmale für ein kollegial geführtes Unternehmen

Werden die nachstehenden Punkte in der Realität auch gelebt, kann man durchaus von einem kollegial geführten Unternehmen sprechen.

  1. Radikale Dezentralität: direkte Kommunikation zwischen den jeweils relevanten Personen.
  2. Wertschöpfungsmächtige Teams: cross-funktional Teams, die alle Funktionen und Disziplinen abdecken,  die als wichtige Bestandteile der Wertschöpfungskette gelten.
  3. Funktionierende Team- und Organisationsgrössen (10/200/N): Teams mit max. 10 Mitgliedern; Unternehmenseinheiten mit max. 200 Mitgliedern.
  4. Absolute Eigenverantwortung: Gestaltungs- und Entscheidungsfreiheit im eigenen Zuständigkeitsbereich sind ein Grundprinzip kollegial geführter Organisationen.
  5. Interne Transparenz: Je mehr Verantwortung geteilt wird, umso wichtiger ist es, dass alle Beteiligten gut informiert sind. Ohne Informationen funktioniert Selbstverwaltung nicht.
  6. Agile Planung: In einem dynamischen und komplexen Umfeld bringt mittel- und langfristige Planung keine Sicherheit und wenig Nutzen. Eine schnelle Reaktionsfähigkeit ist wertvoller.
  7. Kollektive Erfolgsbeteiligung aller Kollegen: Keine individuellen Prämien, Bonis, leistungsbezogene Vergütung.
  8. Kreisstrukturprinzip: Der Kreis symbolisiert die Gleichwertigkeit und Verbindung von Menschen und verhindert effektiv die Machtkonzentration auf wenige.
  9. Externe Referenz: Die Organisation orientiert sich zunehmend an der Frage, wo Nutzen für Kunden geschaffen wird statt sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Welche Voraussetzungen gibt es für die kollegiale Führung?

  1. • Kollegiale Führung muss von den Inhabern initiiert werden und den Raum für Veränderungen halten
  2. • Die Inhaber müssen bereit sein, Teile ihrer Macht loszulassen (ins Unternehmen zu geben)
  3. • Die Inhaber müssen ein positives Menschenbild haben
  4. • Selbstbefähigung von Mensch & System muss unterstützt werden, um gemeinsam zu wachsen (Stichwort: Transparenz, Umgang mit Transparenz, Selbstverantwortung)
  5. • Die Kultur des Unternehmens braucht eine gewisse Reife (Stichwort: Selbstverantwortung, Umgang mit Spannungen und Konflikten)
  6. • Das Unternehmen muss also bereits sein, Neues zu lernen statt Altes zu reproduzieren
  7. • Das Unternehmen muss ein gewisses Mass an zusätzlicher Belastung aushalten

Wie werde ich also nun ein kollegial geführtes Unternehmen?

Keine Begleitung ist identisch zur vorherigen. Allgemeine Rezepte und Best Practise funktioniert in einer komplexen Welt so nicht mehr. Stattdessen braucht es individuelle Lösung, die massgeschneidert auf das jeweilige Unternehmen passen. Wir sehen uns dabei vor allem als Wegbegleiter (siehe auch «unsere Arbeitsweise») auf einer gemeinsamen Reise zur persönlichen Transformation und organisatorischem Paradigmenwechsel.

In Kürze werden wir die Frage in einem Blog-Artikel näher beschreiben, wie eine mögliche Vorgehensweise aussehen kann.

 

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